Multifokale Kontaktlinsen erklärt: Nähe und Ferne im Alltag

Multifokale Kontaktlinsen kombinieren optische Wirkungen für Nähe, Zwischenbereich und Ferne. Sie können Presbyopie alltagstauglich ausgleichen, liefern aber nicht bei jeder Entfernung dieselbe maximale Schärfe wie eine spezialisierte Brille. Entscheidend sind die individuelle Anpassung, realistische Erwartungen und eine Nachkontrolle unter typischen Alltagsbedingungen.
Multifokale Kontaktlinsen für Nähe und Ferne

Das Wichtigste in Kürze

Multifokale Kontaktlinsen gleichen Presbyopie aus, stellen aber nicht aktiv scharf.

Low, Medium und High sind herstellerspezifische ADD-Stufen und nicht übertragbar.

Kontrast, Dämmerungssehen oder maximale Schärfe können gegenüber einer Einstärkenkorrektion abweichen.

Multifokal, Monovision und Zusatzbrille sind gleichwertig zu prüfende Strategien.

Probetragen und Nachkontrolle sind ein normaler Teil der Feinabstimmung.

In diesem Ratgeber

Warum multifokale Kontaktlinsen ab etwa 40 interessant werden

Mit zunehmendem Alter kann die natürliche Augenlinse nahe Objekte immer schlechter scharfstellen. Diese normale Veränderung heisst Presbyopie oder Alterssichtigkeit und macht sich häufig ab Mitte 40 beim Lesen, am Smartphone oder bei feinen Arbeiten bemerkbar. Die Arme werden scheinbar „zu kurz“, kleine Schrift braucht mehr Licht und der Wechsel zwischen Ferne und Nähe dauert länger.[1]

Multifokale Kontaktlinsen verteilen mehrere optische Wirkungen über eine einzige Linse. Dadurch sollen Ferne, Zwischenbereich und Nähe gleichzeitig nutzbar werden. Anders als eine junge natürliche Augenlinse fokussiert eine multifokale Kontaktlinse jedoch nicht aktiv. Das visuelle System erhält mehrere Bildinformationen und muss die für die jeweilige Aufgabe hilfreichen Anteile verarbeiten.

Das realistische Ziel

Eine gute multifokale Anpassung soll im Alltag möglichst viel Brillenfreiheit bieten. Sie garantiert nicht in jeder Entfernung dieselbe maximale Schärfe und denselben Kontrast wie eine optimal eingestellte Einstärken- oder Lesebrille.

Wie multifokale Kontaktlinsen funktionieren

Die meisten modernen weichen multifokalen Kontaktlinsen arbeiten nach einem simultanen Sehprinzip. Unterschiedliche Zonen oder kontinuierliche Wirkungsverläufe erzeugen gleichzeitig Bildinformationen für mehrere Entfernungen. Das Gehirn bevorzugt abhängig von Sehaufgabe, Beleuchtung und Aufmerksamkeit die jeweils hilfreichsten Informationen.

Die genaue Optik unterscheidet sich zwischen den Herstellern. Häufig begegnen dir Begriffe wie:

  • Center-near: Die zentrale Zone ist stärker auf die Nähe ausgerichtet.
  • Center-distance: Die zentrale Zone unterstützt primär die Ferne.
  • Asphärisches Design: Die Wirkung verändert sich über die optische Zone kontinuierlich.
  • Konzentrische Zonen: Ringförmige Bereiche tragen unterschiedliche Wirkungen.

Diese Begriffe erlauben keine Rangliste. Zwei Linsen mit ähnlichem Grundprinzip können sich durch Zonenverteilung, Material, Sitz und Interaktion mit der Pupille deutlich unterscheiden. Reviews betonen deshalb, dass optisches Design und individuelle Augenmerkmale gemeinsam über die Leistung entscheiden.[2]

Was bedeutet ADD bei multifokalen Kontaktlinsen?

Die Addition beziehungsweise ADD beschreibt die zusätzliche Unterstützung für den Nahbereich. Sie ergänzt die Fernkorrektion, ist aber keine eigenständige Kontaktlinsenstärke. Auf Packungen stehen je nach Hersteller Zahlenwerte oder Stufen wie Low, Medium und High.

Diese Stufen sind nicht zwischen Marken übertragbar. „High“ bei Hersteller A kann optisch anders umgesetzt sein als „High“ bei Hersteller B. Auch die Entscheidung, welches Auge eine bestimmte Ausführung erhält, gehört zur Anpassstrategie und lässt sich nicht zuverlässig aus einer Brillenverordnung ableiten.

AngabeBedeutungWichtig beim Nachkauf
SPH / PWRGrundkorrektion für FerneVorzeichen und Wert exakt übernehmen
ADDzusätzliche NahunterstützungHerstellerstufe nicht selbst umrechnen
Dominanzmodellabhängige Zuordnung oder Anpassstrategierechtes und linkes Auge nicht vertauschen
BC / DIABasiskurve und Durchmesserähnliche Zahlen bedeuten bei einem anderen Modell nicht dieselbe Passform
CYL / AXZylinder und Achse bei torisch-multifokalen Linsennur übernehmen, wenn das angepasste Modell diese Werte enthält

Eine vollständige Lesehilfe findest du im Ratgeber Kontaktlinsenwerte verstehen.

Welche Sehqualität ist realistisch?

Bei einer gelungenen Anpassung können viele Menschen Alltag, Bildschirm, Einkauf und Gespräche ohne zusätzliche Brille bewältigen. Das Ergebnis hängt aber davon ab, welche Entfernungen wirklich wichtig sind. Wer nachts fährt, kleinste Schrift kontrolliert oder beruflich besonders hohen Kontrast benötigt, bewertet kleine Einbussen anders als jemand, der vor allem Smartphone, Armaturenbrett und Ferne kombinieren möchte.

Multifokale Optiken können die Kontrastempfindlichkeit gegenüber einer optimalen Einstärkenkorrektion beeinflussen. Eine systematische Übersichtsarbeit fand je nach untersuchtem Design und Messsituation unterschiedliche Effekte. Die Daten erlauben keine pauschale Aussage, dass jede multifokale Linse denselben Kontrastverlust verursacht.[3]

Mögliche Wahrnehmungen während der Anpassung sind:

  • etwas weichere Konturen bei schwachem Licht,
  • Halos oder Lichtkränze um helle Lichtquellen,
  • schwankende Leseschärfe bei wenig Beleuchtung,
  • eine gute Zwischenentfernung, aber noch unzureichende sehr kleine Schrift,
  • unterschiedliche Ergebnisse je nach Tagesform und trockener Augenoberfläche.

Beim Autofahren zählt nicht nur die Buchstabenschärfe im hellen Raum. Dämmerung, Blendung, Kontrast und schnelle Blickwechsel sollten praktisch beurteilt werden. Fahre erst dann, wenn du mit der endgültigen Korrektion sicher siehst und die gesetzlichen Sehbedingungen erfüllst.

Multifokal oder Monovision?

Bei der Monovision wird ein Auge überwiegend für die Ferne und das andere stärker für die Nähe korrigiert. Bei einer modifizierten Monovision kann beispielsweise ein Auge eine multifokale Linse erhalten oder beide Augen werden unterschiedlich gewichtet. Welche Variante besser funktioniert, ist individuell.

KriteriumMultifokale KorrektionMonovision
Grundprinzipbeide Augen erhalten Informationen für mehrere EntfernungenAugen werden für unterschiedliche Entfernungen gewichtet
Binokulares Sehenkann räumliches Sehen besser erhalten, abhängig vom Designkann Stereosehen je nach Stärkeunterschied stärker beeinflussen
Bildqualitätmögliche Kontrast- und Lichtphänomene durch simultane Optikjedes Auge kann in seiner Zielentfernung klar sein, aber binokular unterschiedlich
EntscheidungProbetragen mit alltagsnahen Aufgabenebenfalls Probetragen, besonders bei räumlich anspruchsvollen Tätigkeiten

Vergleichsstudien zeigen kein universelles Siegerverfahren. Je nach Messgrösse können Sehschärfe, Stereosehen und subjektive Präferenz unterschiedlich ausfallen.[4] Eine Anpassung sollte deshalb nicht nur eine Sehtafel testen, sondern reale Prioritäten berücksichtigen.

So läuft eine gute Anpassung ab

  1. Sehbedarf klären: Lesedistanz, Bildschirmabstand, Fahrten bei Nacht, Beruf und Hobbys erfassen.
  2. Fernkorrektion prüfen: Eine unnötige Über- oder Unterkorrektion kann das multifokale Ergebnis verschlechtern.
  3. Augen und Tränenfilm beurteilen: Material und Trageplan müssen zur Augenoberfläche passen.
  4. Design und ADD auswählen: Nach Hersteller-Anpassleitfaden und individuellen Messwerten.
  5. Linse setzen lassen: Sitz, Bewegung, Zentrierung und Sehfunktion erst nach angemessener Stabilisierung beurteilen.
  6. Im Alltag testen: Smartphone, Computer, Raumdistanz, Strassenschilder und Dämmerung realistisch prüfen.
  7. Nachkontrolle nutzen: Änderungen gezielt vornehmen, statt gleichzeitig Modell, Stärke und ADD selbst zu wechseln.

Die aktuelle BCLA-CLEAR-Konsensusarbeit zur Presbyopie betont, dass Versorgung und Produktleistung gemeinsam betrachtet werden müssen.[5] Eine Probierphase ist daher kein Zeichen, dass multifokale Linsen „nicht funktionieren“, sondern ein normaler Teil der Feinabstimmung.

Wie lange dauert die Eingewöhnung?

Manche Menschen erleben bereits beim ersten Versuch eine brauchbare Balance. Andere benötigen mehrere Tage, Anpassschritte oder ein anderes Design. Eine starre Eingewöhnungsdauer lässt sich nicht seriös versprechen. Studien zeigen, dass sich die subjektive Wahrnehmung während einer Tragephase verändern kann, ohne dass jede objektive Sehfunktion im gleichen Mass besser wird.[6]

Für eine faire Beurteilung solltest du:

  • die Linsen nach vereinbartem Plan tragen,
  • mehrere typische Entfernungen und Lichtbedingungen testen,
  • notieren, welche konkrete Aufgabe nicht funktioniert,
  • nicht vorschnell zwischen alten und neuen Korrektionsstrategien wechseln,
  • bei Schmerzen, deutlicher Rötung oder plötzlichem Sehverlust nicht weiterprobieren.

Tageslinsen oder Monatslinsen in multifokal?

Multifokale Linsen gibt es unter anderem als Tages- und Monatslinsen. Das Austauschsystem sagt allein nichts darüber aus, welches Sehdesign besser zu dir passt.

  • Multifokale Tageslinsen eignen sich häufig für gelegentliches Tragen, Reisen oder Menschen, die keine tägliche Pflege wünschen. Nach dem Herausnehmen werden sie entsorgt.
  • Multifokale Monatslinsen können bei regelmässigem Tragen wirtschaftlich sein und bieten je nach Modell andere Parameter. Sie müssen nach jedem Tragen korrekt gereinigt und desinfiziert werden.
  • Individuelle multifokale Linsen kommen infrage, wenn Standardparameter oder Standarddesigns nicht ausreichen.

Die Entscheidungshilfe Tageslinsen oder Monatslinsen vergleicht Kosten, Hygiene und Nutzung ausführlich. Verfügbare Modelle findest du im Preisvergleich für multifokale Kontaktlinsen. Vergleiche dort nur ein bereits fachgerecht angepasstes Modell.

Multifokale Linsen bei Hornhautverkrümmung

Besteht zusätzlich eine relevante Hornhautverkrümmung, kann eine torisch-multifokale Kontaktlinse erforderlich sein. Sie verbindet Zylinder- und Achskorrektion mit mehreren Entfernungswirkungen. Weil sich sowohl Rotation als auch multifokale Optik auf die Sehqualität auswirken können, ist die Anpassung anspruchsvoller.

Nicht jede kleine astigmatische Abweichung verlangt automatisch ein torisch-multifokales Produkt. Ob eine sphärisch-multifokale Linse genügt, muss mit Überrefraktion und alltagsnaher Sehprüfung entschieden werden. Mehr Grundlagen erklärt Torische Kontaktlinsen einfach erklärt.

Wann eine Lesebrille trotzdem sinnvoll bleibt

Brillenfreiheit muss nicht das einzige Erfolgskriterium sein. Eine leichte Lesebrille zusätzlich zu gut funktionierenden Kontaktlinsen kann bei sehr kleiner Schrift, langer Naharbeit oder schwachem Licht die entspanntere Lösung sein. Auch eine Gleitsichtbrille bleibt eine vollwertige Alternative. Das deutsche Gesundheitsportal gesund.bund.de nennt Brillen und Kontaktlinsen als etablierte Möglichkeiten zum Ausgleich der Presbyopie.[1]

Eine sinnvolle Versorgung kann deshalb auch kombiniert sein:

  • multifokale Linsen für Alltag und Freizeit,
  • eine Arbeitsplatzbrille für viele Stunden am Bildschirm,
  • eine optimale Fernbrille für anspruchsvolle Nachtfahrten,
  • Tageslinsen nur zu bestimmten Anlässen.

Wann du zur Nachkontrolle solltest

Eine Nachkontrolle ist sinnvoll, wenn Nähe oder Ferne nach der vereinbarten Testphase unzureichend bleiben, die Sicht stark schwankt, ein Auge dauerhaft dominiert oder Dämmerungssehen und Blendung den Alltag beeinträchtigen. Häufig lässt sich gezielter optimieren, wenn du konkrete Situationen nennst statt nur „unscharf“.

Bei Schmerzen, ausgeprägter Rötung, Lichtempfindlichkeit, Sekret oder plötzlich schlechterem Sehen die Linse entfernen und das Auge zeitnah beurteilen lassen. Solche Zeichen gehören nicht zu einer normalen multifokalen Eingewöhnung.

Fazit: Die beste Lösung ist eine abgestimmte Balance

Multifokale Kontaktlinsen können Presbyopie alltagstauglich ausgleichen und Brillenfreiheit über mehrere Entfernungen ermöglichen. Ihre Leistung entsteht aus dem Zusammenspiel von Fernstärke, ADD, Design, Linsensitz, Pupille, Tränenfilm und individuellen Sehaufgaben.

Eine gute Anpassung sucht daher nicht den höchsten ADD-Wert oder das angeblich modernste Produkt, sondern die beste persönliche Balance. Wenn maximale Schärfe in einer einzelnen Entfernung wichtiger ist, können Monovision, eine Zusatzbrille oder eine kombinierte Lösung besser passen. Probetragen und Nachkontrolle sind der zuverlässigste Weg zur Entscheidung.

Häufig gestellte Fragen

Kann man mit multifokalen Kontaktlinsen Nähe und Ferne scharf sehen?

Viele Menschen erreichen eine alltagstaugliche Sicht über mehrere Entfernungen. Die maximale Schärfe und der Kontrast können sich jedoch von einer optimalen Einstärken- oder Lesebrille unterscheiden.

Was bedeuten Low, Medium und High?

Das sind herstellerspezifische ADD-Stufen für die Nahunterstützung. Sie sind nicht zwischen verschiedenen Marken gleichzusetzen und sollten nur gemäss der konkreten Anpassung nachgekauft werden.

Wie lange dauert die Eingewöhnung?

Das ist individuell. Manche Anpassungen funktionieren sofort gut, andere benötigen mehrere Tage oder gezielte Änderungen. Anhaltende Probleme sollten kontrolliert und nicht unbegrenzt ausgesessen werden.

Sind multifokale Kontaktlinsen besser als Monovision?

Nicht grundsätzlich. Multifokale Linsen können binokulares Sehen besser erhalten, während Monovision bei einzelnen Entfernungen Vorteile haben kann. Alltag, Sehaufgaben und individuelle Wahrnehmung entscheiden.

Gibt es multifokale Linsen bei Hornhautverkrümmung?

Ja, es gibt torisch-multifokale Kontaktlinsen. Die Auswahl ist kleiner und die Anpassung komplexer, weil Zylinder, Achse, Stabilisation und Nahunterstützung gemeinsam berücksichtigt werden.

Kann ich meine ADD-Stufe selbst erhöhen?

Davon ist abzuraten. Mehr Nahwirkung kann Ferne, Kontrast oder Sehbalance verschlechtern. Eine Überrefraktion und gezielte Anpassänderung sind zuverlässiger als ein selbst gewählter höherer Wert.

Quellen und Fachinformationen anzeigen
  1. Bundesministerium für Gesundheit. Alterssichtigkeit (Presbyopie). Deutsches Gesundheitsportal zu Ursache, Diagnose und Korrektionsmöglichkeiten.
  2. Remón L, Pérez-Merino P, Macedo-de-Araújo R et al. Bifocal and Multifocal Contact Lenses for Presbyopia and Myopia Control. J Ophthalmol. 2020.
  3. Mena-Guevara KJ, de Fez D, Piñero DP. Impact on Distance and Near Contrast Sensitivity of Multifocal Contact Lenses: A Systematic Review. Eye Contact Lens. 2025;51(3):e117–e122.
  4. Richdale K, Mitchell GL, Zadnik K. Comparison of multifocal and monovision soft contact lens corrections in patients with low-astigmatic presbyopia. Optom Vis Sci. 2006;83(5):266–273.
  5. Morgan PB et al. BCLA CLEAR Presbyopia: Management with contact lenses. Contact Lens Anterior Eye. 2024.
  6. Fernandes PRB, Neves HIF, Lopes-Ferreira DP et al. Adaptation to multifocal and monovision contact lens correction. Optom Vis Sci. 2013;90(3):228–235.

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Medizinischer Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Kontaktlinsenanpassung oder augenärztliche Untersuchung. Bei Schmerzen, deutlicher Rötung, Lichtempfindlichkeit oder plötzlicher Sehverschlechterung Kontaktlinsen entfernen und zeitnah professionelle Hilfe suchen.
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