Hydrogel oder Silikon-Hydrogel: Welche Kontaktlinsen sind besser?

Silikon-Hydrogellinsen lassen meist deutlich mehr Sauerstoff zur Hornhaut als klassische Hydrogellinsen. Sie sind deshalb aber nicht automatisch komfortabler oder für jedes Auge besser. Entscheidend sind auch Linsengeometrie, Oberfläche, Benetzung, Tränenfilm, Stärke und Tragezeit. Ein Materialwechsel sollte fachgerecht angepasst und kontrolliert werden.
Hydrogel oder Silikon-Hydrogel Kontaktlinsen

Das Wichtigste in Kürze

Silikon-Hydrogel besitzt meist eine deutlich höhere Sauerstoffdurchlässigkeit als klassisches Hydrogel.

Mehr Sauerstoff bedeutet nicht automatisch besseren Tragekomfort.

Ein hoher Wassergehalt beweist weder bessere Benetzung noch weniger Trockenheitsgefühl.

Dk beschreibt das Material, Dk/t berücksichtigt zusätzlich die Dicke der fertigen Linse.

Passform, Oberfläche, Tränenfilm und Pflege können wichtiger sein als die Materialgruppe.

In diesem Ratgeber

Hydrogel und Silikon-Hydrogel: der wichtigste Unterschied

Die meisten weichen Kontaktlinsen bestehen entweder aus klassischem Hydrogel oder aus Silikon-Hydrogel. Beide Materialgruppen enthalten Wasser und fühlen sich weich an. Der entscheidende Unterschied liegt darin, wie Sauerstoff durch die Linse zur Hornhaut gelangt.

Bei Hydrogellinsen wird Sauerstoff hauptsächlich über den Wasseranteil im Material transportiert. Silikon-Hydrogel enthält zusätzlich sauerstoffdurchlässige Silikonbestandteile. Dadurch erreichen diese Linsen in der Regel eine deutlich höhere Sauerstoffdurchlässigkeit, ohne einen besonders hohen Wassergehalt zu benötigen.[1]

Kurz gesagt

Silikon-Hydrogel ist bei der Sauerstoffversorgung meist im Vorteil. Daraus folgt aber nicht automatisch mehr Komfort. Eine gut angepasste Hydrogellinse kann angenehmer sein als eine ungeeignete Silikon-Hydrogellinse. Entscheidend ist das Gesamtpaket aus Material, Oberfläche, Geometrie, Sehwerten, Tragezeit und Tränenfilm.

Direkter Vergleich der Materialien

Eigenschaft Hydrogel Silikon-Hydrogel
Sauerstofftransportüberwiegend über den Wasseranteilvor allem über die Silikonkomponente; meist deutlich höher
Wassergehalthäufig mittel bis hochhäufig niedriger oder mittel; nicht direkt mit Komfort gleichzusetzen
Materialsteifigkeitoft sehr weich und flexibelje nach Material etwas formstabiler
Benetzungmodellabhängigmodellabhängig; moderne Oberflächen sollen hydrophobe Eigenschaften ausgleichen
AblagerungenArt und Menge hängen vom konkreten Material und Tränenfilm abbei manchen Materialien stärkere Lipidablagerungen möglich
Komfortindividuell; nicht generell schlechterindividuell; nicht allein wegen des Materials besser

Die Tabelle beschreibt typische Tendenzen, keine Garantie für jedes Produkt. Moderne Linsen innerhalb derselben Materialgruppe unterscheiden sich erheblich. Deshalb ist der Vergleich zweier konkreter Modelle aussagekräftiger als die blosse Gegenüberstellung der Begriffe Hydrogel und Silikon-Hydrogel.

Warum die Hornhaut Sauerstoff braucht

Die Hornhaut besitzt keine eigenen Blutgefässe und bezieht einen grossen Teil ihres Sauerstoffs aus der Umgebungsluft. Eine Kontaktlinse bildet eine zusätzliche Barriere. Gelangt über längere Zeit zu wenig Sauerstoff an die Hornhaut, können unter anderem Schwellung, Rötung und Veränderungen an der Hornhaut entstehen.

Silikon-Hydrogellinsen haben kontaktlinsenbedingte Sauerstoffmangelerscheinungen deutlich reduziert.[2] Der Vorteil ist besonders relevant bei langen täglichen Tragezeiten, höheren Linsenstärken und in Situationen, in denen die Linse dicker ist. Die tatsächliche Sauerstoffversorgung hängt nämlich nicht nur vom Material, sondern auch von der Linsendicke ab.

Mehr Sauerstoff macht Übernachttragen jedoch nicht sicher. Das Schlafen mit Kontaktlinsen erhöht das Infektionsrisiko unabhängig vom Material. Eine hohe Sauerstoffdurchlässigkeit verhindert weder mikrobielle Verunreinigung noch Fehler bei Hygiene und Pflege.[2]

Dk und Dk/t richtig verstehen

Auf Produktseiten erscheinen häufig die Werte Dk und Dk/t. Sie sind verwandt, bedeuten aber nicht dasselbe:

  • Dk beschreibt die Sauerstoffdurchlässigkeit des reinen Materials.
  • Dk/t beschreibt die Sauerstoffdurchlässigkeit der fertigen Linse unter Berücksichtigung ihrer Dicke t.

Für die Versorgung am Auge ist Dk/t näher an der praktischen Situation. Trotzdem sind Zahlen verschiedener Hersteller nicht immer ohne Weiteres vergleichbar: Messmethode, Bezugsstärke und lokale Linsendicke können eine Rolle spielen. Bei Pluslinsen ist die Mitte dicker, bei starken Minuslinsen eher der Rand. Ein einzelner zentraler Referenzwert bildet deshalb nicht jede Stelle der Linse gleich gut ab.

Weitere Abkürzungen wie BC, DIA und ADD erklärt unser Ratgeber Kontaktlinsenwerte verstehen.

Ist Silikon-Hydrogel angenehmer?

Das lässt sich wissenschaftlich nicht pauschal bejahen. Eine Cochrane-Auswertung randomisierter Studien fand keine verlässliche Grundlage dafür, eine der beiden Materialgruppen allgemein als komfortabler oder sicherer zu empfehlen. Die Vertrauenswürdigkeit der verfügbaren Evidenz wurde als niedrig bis sehr niedrig beurteilt.[3]

Komfort entsteht aus mehreren Faktoren:

  • Passform, Bewegung und Zentrierung der Linse,
  • Randprofil und Gesamtdesign,
  • Benetzbarkeit und Reibung der Oberfläche,
  • Stabilität und Zusammensetzung des Tränenfilms,
  • Raumluft, Bildschirmarbeit und Blinkverhalten,
  • Pflegesystem und Ablagerungen bei wiederverwendbaren Linsen.

Auch der TFOS-Workshop zu Kontaktlinsenbeschwerden kommt zu dem Schluss, dass Material, Design und Pflege gemeinsam betrachtet werden müssen. Keine einzelne Materialeigenschaft erklärt den Tragekomfort zuverlässig.[4]

Hoher Wassergehalt bedeutet nicht automatisch mehr Feuchtigkeit

Ein hoher Wasseranteil klingt intuitiv nach einer besonders feuchten Linse. Der auf der Packung angegebene Wassergehalt beschreibt jedoch zunächst eine Materialeigenschaft im vollständig hydratisierten Zustand. Er sagt nicht direkt voraus, wie stabil der Tränenfilm während eines langen Tages bleibt oder wie sich die Linse am Abend anfühlt.

Bei klassischen Hydrogelen hängt die Sauerstoffdurchlässigkeit stärker vom Wassergehalt ab. Bei Silikon-Hydrogelen übernimmt das Silikon einen grossen Teil des Sauerstofftransports, sodass auch Materialien mit geringerem Wassergehalt hohe Dk/t-Werte erreichen können.[1]

Wer unter Trockenheitsgefühl leidet, sollte deshalb nicht einfach die Linse mit dem höchsten Wasseranteil bestellen. Unser Ratgeber Kontaktlinsen bei trockenen Augen erklärt, welche Ursachen zunächst unterschieden werden sollten.

Oberfläche, Reibung und Ablagerungen

Silikon ist von Natur aus eher wasserabweisend. Hersteller kombinieren das Material deshalb mit hydrophilen Bestandteilen oder speziellen Oberflächentechnologien. Wie gut eine Linse benetzt bleibt, ist folglich eine Eigenschaft des konkreten Produktes und nicht allein der Materialfamilie.[5]

Auch Ablagerungen unterscheiden sich. Untersuchungen zeigen, dass Silikon-Hydrogelmaterialien teilweise weniger Gesamtprotein, aber mehr Lipide aufnehmen können als klassische Hydrogele. Die genaue Ablagerungsneigung hängt von Polymer, Oberfläche, Tränenfilm, Austauschintervall und Pflege ab.[6]

Bei Monatslinsen können eine ungeeignete Pflegelösung oder unvollständige Reinigung den Komfort stärker beeinflussen als der Oberbegriff des Materials. Tageslinsen werden nach einmaligem Gebrauch entsorgt und starten jeden Tag ohne Ablagerungen aus vorherigen Tragetagen. Die Vor- und Nachteile beider Systeme findest du unter Tageslinsen oder Monatslinsen.

Welches Material kann in welcher Situation sinnvoll sein?

SituationSinnvolle Einordnung
Lange tägliche TragezeitEine hohe Sauerstoffdurchlässigkeit kann für Silikon-Hydrogel sprechen. Sitz und Oberfläche müssen trotzdem passen.
Hohe Plus- oder MinusstärkeDie lokal grössere Dicke reduziert den Sauerstoffdurchgang. Dk/t und Linsengeometrie fachlich beurteilen lassen.
TrockenheitsgefühlNicht allein nach Wassergehalt auswählen. Tränenfilm, Oberfläche, Austauschsystem und Umgebung prüfen.
Sehr empfindliches LidgefühlEin weiches Hydrogel kann angenehm sein; ebenso kann ein modernes Silikon-Hydrogel mit passender Oberfläche funktionieren. Probetragen ist entscheidend.
Starke LipidablagerungenKonkretes Material, Pflege und Austauschintervall überprüfen; nicht jede Silikon-Hydrogellinse reagiert gleich.
Linse funktioniert beschwerdefreiNicht allein wegen eines moderner klingenden Materialnamens wechseln. Kontrolltermine und empfohlene Tragezeit einhalten.

Warum ein eigenständiger Materialwechsel riskant sein kann

Zwei Linsen mit identischer Stärke, Basiskurve und identischem Durchmesser sind nicht automatisch austauschbar. Materialsteifigkeit, Randgestaltung und Geometrie beeinflussen, wie die Linse auf dem Auge sitzt und sich bewegt. Bei torischen und multifokalen Linsen kommen Stabilisation beziehungsweise optisches Design hinzu.

Wenn ein anderes Modell gewählt werden soll, ist eine Nachkontrolle sinnvoll. Dabei werden Sehschärfe, Zentrierung, Bewegung, Tränenfilm und Augenoberfläche beurteilt. Ein höherer Dk/t-Wert gleicht eine schlechte Passform nicht aus.

So vergleichst du konkrete Kontaktlinsen sinnvoll

  1. Vergleiche zuerst Linsentyp, Sehkorrektur und Austauschintervall.
  2. Prüfe Materialname und Materialgruppe getrennt vom Wassergehalt.
  3. Ordne Dk und Dk/t korrekt ein und beachte die angegebene Bezugsstärke.
  4. Berücksichtige Oberfläche, Linsendesign und bisherige Verträglichkeit.
  5. Wechsle bei Beschwerden nicht blind auf das Material mit dem höchsten Kennwert.
  6. Lass ein neues Modell anpassen und nachkontrollieren.

Im Kontaktlinsen-Preisvergleich kannst du konkrete Modelle und Packungsgrössen gegenüberstellen. Kaufe eine Alternative aber nicht allein aufgrund ähnlicher Zahlen nach, wenn dieses Modell noch nicht fachgerecht angepasst wurde.

Fazit: Sauerstoffvorteil ohne automatischen Komfortsieg

Silikon-Hydrogel bietet meist die höhere Sauerstoffdurchlässigkeit und hat sauerstoffmangelbedingte Veränderungen beim Kontaktlinsentragen deutlich reduziert. Dieser Vorteil ist medizinisch relevant, macht das Material aber nicht für jedes Auge automatisch komfortabler oder geeigneter.

Hydrogellinsen bleiben eine mögliche gute Wahl, wenn sie fachgerecht angepasst sind, die vorgesehene Tragezeit eingehalten wird und Auge sowie Hornhaut gesund bleiben. Die beste Linse ist nicht die mit dem modernsten Materialnamen, sondern die, die Sehkorrektur, Passform, Sauerstoffversorgung, Oberfläche und Alltag sinnvoll verbindet.

Häufig gestellte Fragen

Ist Silikon-Hydrogel immer besser als Hydrogel?

Nein. Silikon-Hydrogel ist meist deutlich sauerstoffdurchlässiger. Komfort und Verträglichkeit hängen jedoch auch von Oberfläche, Geometrie, Tränenfilm und individuellem Auge ab.

Welche Kontaktlinsen sind bei trockenen Augen besser?

Das lässt sich nicht allein anhand der Materialgruppe oder des Wassergehalts entscheiden. Ursache der Beschwerden, Benetzung, Linsensitz, Austauschintervall und Trageumgebung müssen gemeinsam betrachtet werden.

Bedeutet ein hoher Wassergehalt mehr Tragekomfort?

Nein. Der Wassergehalt sagt nicht zuverlässig voraus, wie komfortabel die Linse am Auge ist oder wie stabil der Tränenfilm bis zum Abend bleibt.

Was ist wichtiger: Dk oder Dk/t?

Dk beschreibt das Material, Dk/t berücksichtigt zusätzlich die Linsendicke und liegt deshalb näher an der tatsächlichen Sauerstoffdurchlässigkeit der fertigen Linse.

Darf man mit Silikon-Hydrogellinsen schlafen?

Nur wenn das konkrete Produkt dafür zugelassen und das Übernachttragen ausdrücklich fachlich vereinbart wurde. Auch dann bleibt das Infektionsrisiko höher als beim täglichen Herausnehmen.

Kann ich eine Hydrogellinse einfach durch Silikon-Hydrogel ersetzen?

Nicht ohne Anpassung. Gleiche Stärke, BC und DIA garantieren keine gleiche Passform. Material, Geometrie und Randprofil können sich deutlich unterscheiden.

Quellen und Fachinformationen anzeigen
  1. Efron N, Morgan PB, Cameron ID et al. Oxygen permeability and water content of silicone hydrogel contact lens materials. Optom Vis Sci. 2007;84(4):328–337.
  2. Stapleton F, Stretton S, Papas E et al. Silicone hydrogel contact lenses and the ocular surface. Ocul Surf. 2006;4(1):24–43.
  3. Haworth K, Travis D, Leslie L et al. Silicone hydrogel versus hydrogel soft contact lenses for differences in patient-reported eye comfort and safety. Cochrane Database Syst Rev. 2023;9:CD014791.
  4. Jones L, Brennan NA, González-Méijome JM et al. TFOS International Workshop on Contact Lens Discomfort: Materials, Design, and Care Subcommittee. Invest Ophthalmol Vis Sci. 2013;54:TFOS37–TFOS70.
  5. Keir N, Jones L. Wettability and silicone hydrogel lenses: a review. Eye Contact Lens. 2013;39(1):100–108.
  6. Nichols JJ. Deposition on silicone hydrogel lenses. Eye Contact Lens. 2013;39(1):20–23.

Passende Kontaktlinsen vergleichen

Vergleiche Kontaktlinsen nach Linsentyp, Material, Packungsgröße und aktuellem Preis.
Medizinischer Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Kontaktlinsenanpassung oder augenärztliche Untersuchung. Bei Schmerzen, deutlicher Rötung, Lichtempfindlichkeit oder plötzlicher Sehverschlechterung Kontaktlinsen entfernen und zeitnah professionelle Hilfe suchen.
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